Festverwurzelt im sozialdemokratischen Milieu entwickelten sich die Naturfreunde seit dem Jahr 1905 im deutschen Reich. Nach Ende des ersten Weltkriegs änderte sich die politische Situation im Reich grundlegend, neben der Sozialdemokratie bildeten sich weitere linke Gruppierungen, die mit der SPD um Einfluss auf die organisierte Arbeiterschaft rangen. Schnell zeigten sich auch erste Konflikte in den Arbeiterorganisationen. Vor allem die KPD versuchte auf dem Weg über die Arbeiterorganisationen Kontrolle über deren Mitglieder zu gewinnen.
Besonders augenfällig waren die Aktivitäten der Kommunisten bei den Naturfreunden. Es wurden gezielt kommunistische Mitglieder auf Funktionsstellen bei den Naturfreunden platziert. Anfänglich beschränkten sich die Sozialdemokraten bei den Naturfreunden auf Apelle, alle Aktivitäten zur Spaltung der Naturfreundebewegung zu unterlassen – aber mit dem Übertritt erster Gaue und Ortsgruppen zur „Roten Sporteinheit“, ein durch die KPD dominiertes Konstrukt, fiel die Reaktion der Sozialdemokraten heftig aus. Verschiedene „Unvereinbarkeitsbeschlüsse“ der Naturfreunde führten bis 1933 zum Ausschluss fast eines Drittels der Naturfreundemitglieder im Deutschen Reich.
Wie aber sah die Situation in den beiden hessischen Gauen aus? Es gab fast keine Ausschlüsse einzelner Mitglieder. Der Anschluss einer Ortsgruppe an die Rote Sporteinheit wurde lapidar als Austritt aus der Naturfreunde-Organisation gewertet. Da aber eine größere Anzahl der Mitglieder dieser Ortsgruppe beim T.V. Die Naturfreunde verbleiben wollte, bildeten diese einen neuen Vorstand und die kommunistischen Mitglieder blieben außen vor. Zwei weitere Ortgruppen wurden 1931 vom Gau aufgelöst, ob es sich hierbei um Auflösungen aus politischen Gründen handelte ist nicht dokumentiert.
In Niederhessen ist die Auflösung zweier kleinerer Gruppen dokumentiert. Nachdem bei der einen Gruppe ebenfalls der Vorstand wechselte, schloss sie sich im Folgejahr den Naturfreunden an. Diese Vorgänge wurden in der Vereinsöffentlichkeit, ganz im Gegensatz zu anderen Gauen, nicht thematisiert und finden sich nur in internen Vermerken. Der Einfluss des Offenbacher Ortsgruppenvorsitzenden Willi Buckpesch sorgte im Mittelrhein-Main-Gau für ein halbwegs konstruktives Arbeitsklima auf der Gauebene. Buckpesch, selbst früher in der KPD und im Zuge der Radikalisierung der KP im Streit geschieden, gründete mit anderen in Offenbach die KPO (Kommunistische-Partei-Opposition), die fortan zwischen den beiden rivalisierenden Blöcken innerhalb der Naturfreunde stand.
Im Ergebnis halfen die strikte sozialdemokratische Abgrenzungspolitik und die immer wiederkehrenden Versuchen der Kommunisten Einfluss zu gewinnen, niemandem. Geholfen hat es nur den Nationalsozialisten.




H. Schultz (Gauobmann), H. Imhoff (Obmann OG Ffm), Toni Hartling (ex Gauobmann) ca. 1922)


Hanau-Kesselstadt 30 .März 1930


