Herkunft und Entstehung der Naturfreunde
Als im Jahr 1895 in Wien der Hauptlehrer Georg Schmiedl zusammen mit einigen Freunden, darunter der spätere österreichische Kanzler Karl Renner, zur Gründung des „Touristenvereins Die Naturfreunde“ aufrief, war nicht abzusehen, dass dies die Geburtsstunde eines weltweit agierenden Vereins mit über hunderttausend Mitgliedern werden sollte. Zunächst nur als touristische Gruppe der Sozialistischen Partei Wiens gedacht, entwickelten sich die Naturfreunde rasch als eigenständige Kraft innerhalb der entstehenden Arbeiterkulturbewegung.
Von Wien ausgehend bildeten sich zunächst in Österreich und ab 1905 auch in der Schweiz und Deutschland Ortsgruppen der Naturfreunde. Ihre Mitglieder rekrutierten sich vorwiegend aus dem Milieu sozialdemokratisch geprägter Handwerker und Arbeiter, die den Gedanken, auch Proletariern das Erleben der freien Natur zu ermöglichen, begeistert weitergaben. Die Entwicklung vollzog sich dabei parallel zu den überall entstehenden bürgerlichen Wander- und Alpinvereinen, die den Arbeitern verschlossen blieben.
Gründung der Naturfreunde in Hessen
Im Jahr 1910 erschien im Vereinsorgan „Der Naturfreund“ ein Artikel eines in Frankfurt a. M. ansässigen Naturfreundes, der über die Schönheiten der Mainlandschaft berichtete. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Naturfreundeidee in Hessen noch nicht Fuß fassen können. Doch schon ein Jahr später, am 9. Juni 1911, fand die erste Ortsgruppengründung in Kassel statt, als zweite Gruppe folgte im Herbst 1911 Unterliederbach bei Frankfurt a. M. Ein Jahr später übersiedelte diese Gruppe nach Höchst. In rascher Folge kamen 1912 Darmstadt, Hanau, Frankfurt, Wiesbaden und Mainz, 1913 Wetzlar und 1914 Offenbach hinzu. Wie die Namen der Ortsgruppen zeigen, entstanden die Naturfreunde zunächst in den größeren Städten mit einem hohen Anteil von Industriearbeitern, die bereits in Gewerkschaft und Sozialdemokratie organisiert waren. Die Gründung solcher Kulturorganisationen stieß innerhalb der Sozialdemokratie auf wenig Zustimmung. So bemerkte die „Kleine Presse“ nach der Gründung der Frankfurter Ortsgruppe, „daß es außer sozialdemokratischen Turnern auch noch Touristen gebe. Was mag noch folgen?“ Tatsächlich war die Haltung der Partei anfänglich eher ablehnend, bestand doch die überwiegende Meinung, dass Arbeiterkulturvereine die Arbeiter von der Arbeit in Partei und Gewerkschaft ablenkten. Erst allmählich stieg die Akzeptanz innerhalb der Sozialdemokratie, sicherlich vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung der Arbeiterkulturorganisationen und dem darin steckenden Potenzial für die gesamte Arbeiterbewegung.
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren die Naturfreunde in Hessen auf mehrere hundert Mitglieder angewachsen. Der Kriegsausbruch bedeutete ein jähes Ende für die weitere Entwicklung des Vereins und warf die jungen hessischen Naturfreunde stark zurück. Lediglich der Ortsgruppe Frankfurt gelang es noch, ihr Naturfreundehaus am Pferdskopf bei Brombach/ Taunus am 26. September 1915 als erstes hessisches Naturfreundehaus einzuweihen. Anfänglich war auch bei den Naturfreunden noch eine gewisse Kriegseuphorie spürbar; ein Mitglied der Ortsgruppe Kassel schrieb an das Zentralorgan ‚Der Naturfreund‘: „… Hier herrscht große Begeisterung, besonders für unsere Verbündeten, die Österreicher. Von unseren Mitgliedern sind auch welche nach Osten abgegangen, um gemeinsam mit den österreichischen Brüdern den Schandfleck Europas zu tilgen.“ Man sammelte Liebesgaben für die Vereinsgenossen im Felde und bekräftigte den Willen, fest zusammenzustehen. Diese positive Haltung wich schnell einer ablehnenden, pazifistischen Grundhaltung, die sich in kritischen Anmerkungen im ‚Naturfreund‘ widerspiegelte. Wie das gesamte Deutsche Reich stand auch die Naturfreundebewegung nach dem Ende des Krieges vor einem Neuanfang. Obwohl viele Aktive der ersten Stunde gefallen waren und die Menschen um das tägliche Überleben kämpften, nahmen die Ortsgruppen schon bald wieder die Arbeit auf und warben ständig neue Mitglieder für ihre Sache. Mit dem Erstarken der Arbeiterbewegung in der Weimarer Demokratie wuchsen die Naturfreunde schnell zum größten Verband für Arbeiterkultur und Touristik in Deutschland. So konnten die hessischen Naturfreunde ihre Mitgliedszahlen binnen fünf Jahren von unter tausend auf rund neuntausend Mitglieder im Jahr 1924 steigern. Um auch organisatorisch den sich schnell steigernden Anforderungen gerecht zu werden, wurden zwei neue Gaue gegründet. Im Süden Hessens der Mittelrhein-Main-Gau und in Nordhessen um Kassel herum der Gau Niederhessen-Südhannover.





